Professionsethik

Professioneller Umgang mit Sexualität und Macht im Sozial- und Bildungssektor

Das im Sommer 2014 neu gegründete Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Pädagog_innen aus Wissenschaft und Praxis in der Region Kassel. Unser Ziel ist es, in Schule und Sozialer Arbeit die Auseinandersetzung über ethische Fragestellungen in Bezug auf Sexualität und Macht zu fördern und zu stärken. Nicht nur in Extremsituationen (wie einem Verdacht auf sexualisierte Gewalt), sondern gerade auch in den alltäglichen pädagogischen Situationen ist eine sensible Reflexions- und Handlungskompetenz besonders gefragt. Aus diesem Grunde setzen wir uns in dem Netzwerk mit unserem pädagogischen Selbstverständnis und unserer pädagogischen Haltung auseinander.

Klassische ethische Prämissen sind beispielsweise »Verantwortung«, »Gerechtigkeit«, »Sorge«, »Autonomie« und »Anerkennung«. All diese Reflexionskategorien spielen für die pädagogische Praxis eine wichtige Rolle. Zentral für die Etablierung einer »Kultur der Achtsamkeit« in pädagogischen Handlungsfeldern ist der Umgang mit Vulnerabilitäten. Wir wollen den Blick für die verschiedensten Kontexte und Erscheinungsformen der Verletzbarkeit der uns im Rahmen der pädagogischen Arbeit anvertrauten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen schärfen, um diesen zugleich sensibler und entschlossener zu begegnen. Wir wollen aber auch unsere eigene Vulnerabilität als Pädagog_innen in den Blick nehmen. Hier sei zum einen die eigene berufsbiographische Erfahrungsgeschichte mit dem Themenfeld von Sexualität und Macht erwähnt, die unsere Einschätzungen und Bewertungen oftmals präformiert und Teil unserer professionellen Identität ist. Zum anderen haben sich u.a. als Folge der genannten Fälle von sexualisierter Gewalt in pädagogischen Einrichtungen die Rahmenbedingungen pädagogischer Praxis verändert. Zum Alltag gehört nunmehr eine verstärkte öffentliche und mediale Aufmerksamkeit sowie ein teilweise erheblicher institutioneller Regulierungsbedarf in Bezug auf die pädagogische Beziehungsgestaltung. Dies ist – neben den Folgen der Ökonomisierung – nun ein weiterer Aspekt, der den Druck auf Pädagog_innen merklich erhöht und mit dem wir uns auseinandersetzen.

Für den Raum Kassel wollen wir diesen Transformationsprozess mitgestalten, denn Praxis und Wissenschaft stehen in der Pflicht, Antworten, Haltungen und Sichtweisen zu diskutieren und zu entwickeln, um somit auch ein Zeichen in der Öffentlichkeit und in den fachwissenschaftlichen Gremien zu setzen. Bislang entwickeln Wissenschaft und Praxis ihre Expertise eher getrennt voneinander und eine gemeinsame Auseinandersetzung war für die Region Nordhessen nicht feststellbar. Diese Lücke schließt das Netzwerk, indem es als eine Brücke die Bereiche der pädagogischen Praxis und der Hochschule verbindet und so eine partizipative Bearbeitung der vielfältigen Phänomene ermöglicht. Dies ist gerade vor dem Hintergrund vonnöten, da es sich bei den beiden Bereichen um dieSozialisationsfelder schlechthin handelt, die professionelle Identitätsbildung anregen.

Ausgangspunkt für die Einrichtung des Netzwerkes sind die seit dem Jahre 2010 bekannt gewordenen Fälle von sexualisierter Gewalt in pädagogischen Einrichtungen, die in pädagogischen Fachkreisen, in der Politik und in der breiten Öffentlichkeit Entsetzen hervorriefen. Von politischer Seite wurde der Runde Tisch »Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich« eingerichtet. Dieser stellte für den Bereich der sexualisierten Gewalt ein erhebliches Forschungsdefizit fest. In der Folge wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung das Forschungsschwerpunktprogramm »Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen« ausgeschrieben. Dieses unterstützt in ganz Deutschland viele thematisch einschlägige Forschungen. Auch die Kasseler Juniorprofessur »Professionsethik. Sexualität und Macht in Schule und Sozialer Arbeit« wird in diesem Programm gefördert. Der Schwerpunkt dieser Stelle liegt auf Fragen der Professionalisierung in Bezug auf Sexualität und Macht.