„Der Disconnect zwischen Wissenschaft und Politik ist kaum auszuhalten“

Frau Quitsch, kommen wir doch direkt zum Punkt: Wie steht es aktuell politisch um das Thema Nachhaltigkeit, besonders im Kontext der vorgezogenen Bundestagswahl?
Die kurze Antwort? Nicht gut. Die etwas längere Antwort? Überhaupt nicht gut. Natürlich reagiert die Politik auf akute Krisen wie die Energiekrise oder den Ukraine-Krieg, aber durch deren Priorisierung verschwinden Themen wie die Klimakrise nicht. Wir wissen inzwischen, dass 2024 das wärmste Jahr seit 1850 war, zum ersten Mal haben wir die 1,5° Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau gerissen. Das zeigt die Dringlichkeit der Klimakrise. Der Disconnect zwischen der Wissenschaft und Faktenlage und der Politik ist hier kaum auszuhalten. Bei der letzten Bundestagswahl hatte ich noch das Gefühl, das Thema Nachhaltigkeit bekäme mehr Aufmerksamkeit, aber das hat sich gewandelt. Diesmal spielt das eher eine geringe Rolle – vielleicht auch wegen des kürzeren Wahlkampfs.
Nachhaltigkeit hat ja verschiedene Dimensionen – kann man da auf politischer Ebene Unterschiede erkennen?
Die Klimakrise spiegelt natürlich nur eine Dimension der Nachhaltigkeit wider, sie wirkt sich aber auch auf soziale und ökonomische Verhältnisse aus. Die verschiedenen Dimensionen sind also miteinander verbunden. So sind z.B. diejenigen, die den geringsten Beitrag zur Klimakrise leisten, wie sozial schwache Bevölkerungsgruppen, gleichzeitig überproportional von den Auswirkungen betroffen. Sie können sich nicht leisten, bei besonders heißem Wetter einfach in eine kühlere Region zu reisen. Oder sich mit den neuesten technischen Hilfsmitteln auszustatten. Solche sozialen Ungerechtigkeiten führen zu Spaltung, der (gesamt)gesellschaftliche Zusammenhalt kann darunter leiden. Als Konsequenz werden auch soziale Krisen prekärer und dringlicher.
Wie kommt es denn, dass die Klimakrise beim Thema Nachhaltigkeit so stark im Fokus steht?
Die Klimakrise bildet die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit ab und ist durch natürliche Gegebenheiten und planetare Grenzen bestimmt – man kann sie also nicht wegdiskutieren, wie das bei den anderen Dimensionen zumindest teilweise möglich ist. Bei der sozialen, kulturellen oder ökonomischen Nachhaltigkeit besteht weniger Unausweichlichkeit. Natürlich sind sie trotzdem ebenso wichtig. Aber die Klimakrise ist eben ganz besonders spürbar. Aktuelle Maßnahmen – sowohl in Deutschland als auch global – sind nicht ausreichend, das heißt, die Krisentreiber bleiben bestehen. Das ist kein optimistischer Blick, aber gerade in der Wissenschaft herrscht hier Konsens und die Hoffnung, dass dieser falsch liegt, ist Wunschdenken.
Sie sagten, das Thema rückt im Wahlkampf in den Hintergrund. Wie bringt man es zurück in den gesellschaftlichen Fokus?
Wenn es darauf doch nur eine einfache Antwort gäbe… Der politische Diskurs wird beim Thema Nachhaltigkeit sehr polemisch und dramatisch geführt. Dabei wären die konkreten Maßnahmen, die dahinterstehen, eigentlich oft halb so wild. Inzwischen gilt es bei vielen Menschen auch als Teil der Identität, dass man sich für Nachhaltigkeit einsetzt. Und Angriffe auf die Identität – gefühlt oder echt – führen natürlich zu stärker emotionalen Reaktionen.
Die Scientists for Future beschäftigen sich auch mit der Frage: Wie können wir das Thema weiterhin platzieren trotz der zunehmenden Müdigkeit in der Gesellschaft, was Nachhaltigkeit angeht? Wir haben ja zum Glück viele wissenschaftliche Erkenntnisse, die dabei helfen können. Ein bewährter Ansatz ist, Nachhaltigkeit nicht als ‚on-top-Thema‘ zu präsentieren, also als etwas, womit man sich noch zusätzlich zu vielen anderen Problemen auseinandersetzen muss, sondern sie stattdessen mit Themen zu verknüpfen, die die Einzelnen sowieso schon interessieren und beschäftigen. Zum Beispiel indem man die Auswirkungen der Klimakrise für die eigenen Kinder oder individuelle Hobbies aufzeigt. Das kann zu einem „Weil mir X wichtig ist, setze ich mich für Nachhaltigkeit ein“-Denken führen.
Nun steht ja die Regierungsbildung an. Was brauchen wir auf politischer Ebene, um notwendige Schritte in Richtung nachhaltige Transformation zu gehen?
Wir brauchen definitiv auch strukturelle, systemische Veränderungen; dafür ist die Politik zuständig. Sie gestaltet die Rahmenbedingungen für unser aller Handeln. Wenn man diese verändert und Hürden abbaut, können die Menschen auch leichter mitgehen – wir sind eben Gewohnheitstiere. Solche Veränderungen müssen sowohl auf technischer Ebene, z.B. bei der Energie- oder Mobilitätsinfrastruktur, als auch auf der sozialen und gesellschaftlichen Ebene stattfinden. Ersteres ist natürlich greifbarer, aber es sollten auch immer Fragen der sozialen Gerechtigkeit berücksichtigt werden. Generell gilt: Wir haben schon lange kein Wissensproblem mehr, sondern ein Umsetzungsproblem. Es ist ja nicht so, als hätten wir keine Lösungen…
Wie kann die Uni Kassel zur nachhaltigen Transformation beitragen?
Für Hochschulen allgemein gilt: Sie tragen einerseits durch ihre Forschung dazu bei, andererseits durch die Ausbildung von Personen, die zukünftig Entscheidungen treffen. Darüber hinaus ist wichtig, Studierende dazu zu befähigen, auch mit Komplexität und Ambiguität umgehen zu können. Das wirkt Polemik und Polarisierung bzw. der Anfälligkeit dafür entgegen.
Meiner Ansicht nach ist die Uni Kassel auf einem guten Weg, als Gestalterin zu fungieren. Vielleicht können wir hier noch mutiger sein. In Sachen Nachhaltigkeit ist die Uni auf jeden Fall in Forschung und Lehre schon wirklich breit aufgestellt.
Und wie ist Ihr Blick auf die neuen Nachhaltigkeitsstudiengänge der Uni?
Besonders interessant finde ich, warum junge Leute Nachhaltigkeit studieren wollen. Einerseits gibt es diejenigen, die sich aus einer intrinsischen Motivation, aus Idealismus dafür entschieden haben. Aber jetzt gibt es, glaube ich, auch eine stärker werdende extrinsische Motivation: Der Bereich bietet neue Karrierewege. Die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nach Personen mit Kenntnissen der Nachhaltigkeit, vor allem in Verbindung mit Fachwissen, steigt. Das Thema geht nicht weg, also ist das Berufsfeld ziemlich zukunftssicher. Genau diese Integration von Nachhaltigkeit in die jeweiligen Bereiche brauchen wir. Eine extrinsische Motivation ist also keineswegs schlechter als eine intrinsische.
Interview: Lisa-Maxine Klein