06.03.2025 | Porträts und Geschichten

Nachdenken über Behinderung, Religion und Inklusion

Guillaume Dondainas ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Religionspädagogik

Portraitfoto von Guillaume DondainasBild: Universität Kassel

Ein großes Büro im Gebäude K10 am Rande des Campus Hopla. Die großen Fenster geben den Blick auf den Verkehr auf der Holländischen Straße frei. Es ist das Büro von Guillaume Dondainas, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Evangelische Religion. Die Einrichtung ist spartanisch: zwei Schreibtische, einer für ihn, einer für seine Kollegin, eine kleine Sitzecke, Ikea-Sessel, Schrank. Das große Regal hinter seinem Schreibtisch ist weitgehend leer: Eine Trinkflasche, drei Wörterbücher, einige Kartons, Kleinkram stehen darin, sonst nichts. „Ich brauche keine Bücher“, sagt Dondainas, „ich bin komplett digital unterwegs.“ Wissenschaftliche Literatur liest er auf Tablet, Handy und am PC. Nichtdigitalisierte Texte wandelt er mithilfe einer Software selbst um. Dondainas bietet Lehrveranstaltungen zu den Themen Glaube und Behinderung, Inklusion in Kirche und Schule sowie Theologie der Behinderung an.

Der neue Studiengang Förderpädagogik

Vergangenen Oktober startete der Studiengang Förderpädagogik an der Uni Kassel, der sich schon jetzt als Erfolgsmodell erweisen könnte: Die erwartete Zahl von 60 Einschreibungen wurde mit fast 90 deutlich übertroffen.

Er weiß, wovon er spricht, denn er lebt es. Dondainas ist seit seiner Geburt körperlich schwer behindert. 1976 kam er im nordostfranzösischen Metz als Frühchen zur Welt. Die Geburt verlief nicht ohne Komplikationen: Durch fehlende Sauerstoffzufuhr wurde das Gehirn geschädigt, mit der Folge, dass seitdem seine Motorik schwer beeinträchtigt ist. Der Fachterminus dafür: Infantile Cerebralparese (ICP). In den 1980er und 1990er-Jahren wollte man die Fehlstellungen an Beinen und Füßen wiederholt operativ korrigieren. „Es war eine Qual und sehr, sehr schmerzhaft“, sagt Dondainas, der heute Orthesen an den Beinen trägt und sich auf zwei Gehhilfen stützt. Mit 16 Jahren beschloss er, keine weiteren Eingriffe über sich ergehen zu lassen. Seine Schulzeit war demnach nicht einfach. Inklusion war damals ebenso ein Fremdwort wie Barrierefreiheit. Seine Mutter kämpfte dennoch darum, dass er eine Regelschule besuchen konnte. Immerhin stieß sie bei einer Religionslehrerin auf offene Ohren. Sie setzte sich für seine Aufnahme an der Grundschule ein, nahm sich seiner an und bestärkte ihn im Glauben. Gleichwohl musste er soziale und institutionelle Ausgrenzung ertragen. Dondainas: „Ich durfte, als ich bereits aufs Gymnasium ging, den Aufzug nur deshalb nicht benutzen, weil der nun mal den Lehrkräften vorbehalten war – undenkbar heute!“

Dondainas ist ein Sprachgenie. Neben seiner Muttersprache Französisch spricht er perfekt Deutsch, Spanisch und Englisch. Italienisch lernt er intensiv und mit Japanisch und Chinesisch hat er sich auch schon beschäftigt. Seine besondere Affinität zum Deutschen hat er ironischerweise seinem Englischlehrer zu verdanken, der es – angeblich aus Versicherungsgründen – ablehnte, ihn auf eine Studienfahrt nach England mitzunehmen. So kam er zu einer saarländischen Gastfamilie. Dieser Umweg legte den Grundstein für seine Liebe zur deutschen Kultur und Geschichte.

Seine akademische Laufbahn ist von charmanter Unübersichtlichkeit: An der Uni Heidelberg studierte er Deutsch als Fremdsprache sowie Germanistik, in Paris und Heidelberg Politik. In Straßburg erwarb er das Zertifikat Diplom-Übersetzer. Lehraufträge und Übersetzertätigkeiten führten ihn u. a. nach Ludwigsburg, Tübingen und Germersheim. 2009 kam er an die Uni Kassel, um eine Stelle als Lektor für Französisch am Institut für Romanistik anzutreten, bevor ihn Prof. Dr. Petra Freudenberger-Lötz an das Fachgebiet Religionspädagogik holte. „Am Fachbereich bin ich fest verankert und möchte den Schwerpunkt ausbauen“, betont er. Damit meint er die Disability Studies, die einen erweiterten, interdisziplinären Blick auf Behinderung werfen, indem sie historische, soziale, kulturelle Kontexte in den Blick nehmen. Behinderung wird aus dieser Perspektive nicht als Beeinträchtigung im medizinischen Sinn verstanden, sondern als gesellschaftliches Konstrukt, das den Betroffenen auf allen möglichen Ebenen Barrieren entgegensetzt. Auch die Bibel liest Dondainas aus dieser Perspektive und vermittelt seinen Studierenden so einen anderen Blick auf das Alte und Neue Testament mit dem Ziel, sowohl eigene als auch andere Sichtweisen (z. B. die Gottes) zu hinterfragen. Mit seiner aufgeschlossenen und humorvollen Art gelingt es ihm jedenfalls leicht, Diskussionen und Gespräche im Seminar anzuregen, Impulse für die religionspädagogische Arbeit zu setzen, über das Themenfeld Religion und Inklusion nachzudenken und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

In Kassel, wo er in dem inklusiven Projekt „WohnGeStein“ lebt, fühlt er sich wohl. „Hier, in Kassel, bin ich nach einem wissenschaftlichen Nomadenleben angekommen. Ich möchte mich an der Uni weiter etablieren.“ So können seine Seminare auch im Rahmen des neuen Studiengangs Förderpädagogik belegt werden. Darüber hinaus bietet er nach Absprache eine Sprechstunde für behinderte und nichtbehinderte Studierende an.

 

Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2025/1. Text: Andreas Gebhardt